Im Restaurant Rechberg neben der Predigerkirche macht das Wirtepaar Yañez auf Edelspanier - und bekundet einige Mühe damit. Chronik eines durchzogenen Abends.
Der Empfang lässt nichts Böses ahnen. Wir werden vom Chef des Hauses freundlich begrüsst und dürfen im stilvoll-modern eingerichteten Restaurant einen Tisch aussuchen. Kaum sitzen wir, nimmt das Unheil jedoch seinen Lauf.
Um uns die Tagesspezialitäten vorzustellen, macht Francisco Yañez Anschauungsunterricht. Auf einem Tablett, das uns der Kellner unter die Nase hält, liegen Doraden und Seezungenfilets, sein Kollege präsentiert ein kapitales Stück Entrecôte. Gut gemeint, ohne Zweifel. Aber im Verlauf des Abends machen Fleisch und Fisch völlig ungeschützt noch mindestens zehn Reisen zwischen Küche und Restaurant mit. Was wohl der Lebensmittelkontrolleur dazu sagen würde?Der Hauswein auf dem Tisch - die Flasche hat längst Raumtemperatur - wird uns lapidar als "gut" empfohlen. Zudem kostet er aus unerfindlichen Gründen derzeit nur 64 statt 69 Franken. Nein danke. Wir wählen aus der Karte einen Valduero von der Ribera del Duero, bekommen aber Crianza statt Reserva. Als wir schüchtern darauf hinweisen, ernten wir vom konsequent mürrischen Kellner nur ein lustloses "Aha". Bis die richtige Flasche kommt, haben wir die Vorspeisen schon halb aufgegessen.
Die haben wir beim Chef persönlich bestellt, der seine frischen, hausgemachten Tapas mit Verve anpreist. Wir möchten einfach von allem ein bisschen. Da wird er plötzlich wortkarg. Klar, er will ganze Portionen verkaufen - nicht gerade kundenfreundlich. Wir tun ihm den Gefallen und bestellen Albondigas, Pimientos de Padròn und Gambas al ajillo.
Nicht die beste Wahl, wie sich kurz darauf herausstellt. Die gute Tomatensauce kann nicht wettmachen, dass die Hackfleischbällchen zu weich und zu lasch gewürzt sind. An den typisch spanischen Paprikaschoten stört eine unangenehme, wohl vom Olivenöl herrührende Bitternote. Hervorragend sind dafür die Crevetten an Knoblauch. Sie bleiben uns aber wegen des horrenden Preises von 19.50 Franken fast in der Kehle stecken.
Francisco Yañez' Preispolitik hat uns auch davon abgehalten, einen der durchaus schmackhaft tönenden Hauptgänge zu bestellen. Da die Beilagen meist separat verrechnet werden, kosten die Fleisch- und Fischgerichte bis weit über 60 Franken. Da ist Paella negra, notabene die Spezialität des Hauses, mit 42 Franken schon fast ein Schnäppchen.
Und es gibt an ihr auch nicht viel auszusetzen. Die Portion ist gigantisch bemessen, der mit Tinte gefärbte Reis körnig. Die Küche spart auch nicht an den Meeresfrüchten. Schade allerdings, dass die kunstvoll drapierten Riesencrevetten zu wenig Salz abbekommen haben.Die Desserts ändern auch nichts mehr am zweispältigen Eindruck. Zwar ist das hausgemachte Grand Marnier Parfait ein echter Lichtblick. Dafür ist die Crema Catalana nur wenige Millimeter hoch eingefüllt und damit auch für gemässigte 9.50 Franken noch viel zu teuer.
Wäre der Rechberg eine bescheidene spanische Beiz in einem Aussenquartier, hätten wir die bärbeissige Bedienung wohl für originell gehalten und über die Schnitzer aus der Küche grosszügig hinweggesehen. Aber an bester Lage im Zentrum von Zürich und zu wirklich stolzen Preisen stimmte die Leistung mindestens dieses Mal nicht.
Interessanter Beitrag! Gut zu wissen. Finde schon den ganzen Blog sehr schön, werde mal öfter hier rein.
Kommentiert von: Ulrike | Freitag, 22. Januar 2010 um 14:46 Uhr
Danke für den Beitrag. Ist ja schon unterdessen eine totale Frechheit was sich die Restaurants heute leisten, besonders in Zürich.
Letzthin musste ich mir von einem Wirt (Essen kostet da rund CHF 90.-) sagen lassen, dass der Kunde nicht mehr König ist und diese Zeiten vorbei sind. Vorbei war es auch dann an diesem Abend und ich bin, notabene auch gleich gegangen.
Tja, ich denke die Zeiten wo mehr Leute ins Restaurant gehen sind auch vorbei. Home Cooking forever :-)
Kommentiert von: Thenitai | Sonntag, 24. Januar 2010 um 18:03 Uhr
In der Stadt Zürich wundert mich das am meisten. Da gibt es ja wirklich sehr viele Restaurants und damit genügend Konkurrenz, würde man meinen.
Aber offenbar sind auch genügend Leute da, die sich nach dem Motto "teuer = gut" verköstigen.
Kommentiert von: Daniel Ebneter | Sonntag, 24. Januar 2010 um 18:11 Uhr
Warum geht der Trend zum Kochen am heimischen Herd geht ist doch nur so verständlich. Ja, es ist Aufwand, aber das Preis/Leistungsverhältnis ist unschlagbar. Und die Gäste werden sicher immer königlich bedient. Natürlich hab ich auch abund zu Lust mich mal bedienen zu lassen, aber da ist das "pseudo" Image eines Restaurents nicht das ausschlaggebende Kriterium - Empfehlungen sind es! Und wer auf dauer nicht performt, wird Probleme bekommen als Gastronom - Social Media trägt auch ein stück dazu bei. Nur ein Stück ;-)
Kommentiert von: Malte Polzin | Sonntag, 24. Januar 2010 um 18:40 Uhr
Es ist immer wieder erstaunlich, wie offensichtlich manche Gastro-Betriebe sich solche "Schnitzer" leisten. Doch meistens hats einfach auch mit dem Service zu tun und / oder Unstimmigkeiten zwischen Service und Küche. Das merkt man sofort.
Die Preisgestaltung und Art und Weise wie ein Lokal geführt wird, ist sicher auch ein wichtiger Punkt. Doch bei solchen hohen Preisen, sinkt die Akzeptanz für Fehler sicher rasant. Aber Hunger hab ich jetzt trotzdem. :)
Kommentiert von: @dworni | Sonntag, 24. Januar 2010 um 18:42 Uhr
Nun, ich bin schon überrascht über den Bericht vom 22. Januar 2010 über das Rechberg. Ich verbrachte letzten Samstagabend einen wunderschönen Abend mit meinem Partner im Rechberg.Wir wurden am Eingang freundlich und herzlich vom Patron begrüsst und an unseren Tisch begleitet.
Wir bestellten einen Aperitif und uns wurde die Speisekarten übergeben. Kurze Zeit spätere wurde uns ebenfalls eine frische Dorade und ein saftiges Stück Entrecôte präsentiert. Beides sah toll aus weshalb sich mein Partner sofort für das Stück Fleisch entschied.
Als Vorspeise bestellten wir die hausgemachten Croquetas und Gambas al Ajillo. Dazu tranken wir den Albarino aus Galizien, der kalt serviert wurde und uns sehr gut schmeckte. Die Gambas waren ausgezeichnet, besonders gut schmeckten uns aber die Croquetas, welche perfekt gewürzt waren.
Als Hauptspeise bestellten wir ein Entrecôte mit Patatas espa¬nolas und das Rindfilet mit Entenleber und Trüffelravioli. Bei letzt genanntem Gericht handelt es sich um eines der Besten im Rechberg und preislich überstieg es die 58 Franken nicht (inkl. Beilage). Das Rindsfilet war sehr zart und perfekt zubereitet worden. Zum Fleisch tranken wir eine gute Flasche Flor de Pingus.
Die Gerichte waren so grosszügig portioniert, dass wir kein Dessert mehr bestellen konnten. Jedoch tranken wir noch Carajillos und wurden am späteren Abend durch den Patron freundlicherweise auf zwei weitere eingeladen.
Wir genossen den Abend sehr in diesem schönen Lokal und werden sehr bald wieder ins Rechberg gehen!
Kommentiert von: Sandra | Freitag, 29. Januar 2010 um 12:08 Uhr
@Sandra:
Es freut mich sehr, dass Du offenbar einen besseren Abend erwischt hast als wir.
Die Präsentation von Fleisch und Fisch am Tisch ist wohl Geschmackssache: Ich aber finde das unhygienisch und unnötig.
Ansonsten bleibe ich bei meiner Beurteilung von Qualität, Bedienung und Preisniveau.
Dein Bericht ermuntert mich aber, es bestimmt noch einmal im Rechberg zu versuchen.
Vielen Dank!
Kommentiert von: Daniel Ebneter | Freitag, 29. Januar 2010 um 12:19 Uhr