Damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Wir sassen in Eder's Eichmühle hoch über Wädenswil im Wintergarten an einem wunderschön dekorierten Tisch. Das Menü war famos, der Grüne Veltliner und der Zweigelt von Markus Huber aus dem österreichischen Traisental hätten nicht besser dazu passen können. Der üppige Dessertteller, begleitet von einer phänomenalen Trockenbeerenauslese aus dem Hause Kracher, bildete einen wirklich krönenden Abschluss.
Doch waren da die kleinen Missgeschicke. Nicht dass sie das Eichmühle-Team nicht auszubügeln gewusst hätte: In der kleinen Eichenstube störten uns Küchenlärm und Chlorgeruch - wir durften zügeln. Der Venere-Risotto zu meinem Hauptgang war komplett versalzen - der Chef persönlich brachte in Rekordzeit Ersatz an den Tisch. Beim Weggehen standen wir allein in der Tür - wieder war es Gastgeber Jürgen Eder, der uns doch noch bemerkte und freundlich verabschiedete.
Auf der Heimfahrt habe ich mich dabei ertappt, dass ich trotzdem irgendwie enttäuscht war. Da fährt man in ein vom GaultMillau mit 16 Punkten bekränztes Lokal, lässt ein halbes Haushaltsbudget liegen - und dann lärmt's und stinkt's nach Chlor. Muss man den Hauptgang zurückgehen lassen. Kommt man sich am Schluss halb hinausgeworfen vor.
Irgendwann ist mir Anton Ego, der bärbeissige Gastrokritiker aus Ratatouille, in den Sinn gekommen:
"In vielerlei Hinsicht haben wir Gastrokritiker einen einfachen Job. Wir riskieren wenig, dürfen uns aber dafür über die stellen, die sich und ihre Arbeit unserem Urteil aussetzen. Wir leben gut von negativer Kritik, die genauso mit Spass zu schreiben wie zu lesen ist. Die bittere Wahrheit ist jedoch: Im Lauf der Welt ist die durchschnittliche Scheisse wohl immer noch viel bedeutender als jede Kritik, die sie als solche bezeichnet."
Stimmt. Kritisieren ist immer einfach. Und ich bin der letzte, der keine Hochachtung vor der harten und ehrlichen Arbeit der allermeisten Gastronomen hat. Aber sie wecken Erwartungen, machen Versprechen. Und die müssen sie halten.
Was meint Ihr? Bin ich zu heikel?
Wo liegt Eure Schmerzgrenze?
Es ist einfach immer eine Sache der Erwartungshaltung. Wer diese weckt und nicht erfüllt, darf zu Recht kritisiert werden. Mit ein Grund dafür, wieso sich manche Sterneköche genau diesem Druck entziehen und sich über ein bodenständigeres Restaurant neu definieren. Daher: Kritik muss sein, die Messlatte liegt da, wo der Anbieter sie definiert.
Kommentiert von: TilmanHaerdle | Dienstag, 26. Januar 2010 um 09:28 Uhr
Du bist nicht zu heikel. In einem solchen Lokal kannst du das erwarten und musst ganz sicher keine Abstriche machen!
Kommentiert von: Matthias | Dienstag, 26. Januar 2010 um 09:45 Uhr
Das ist so eine Sache. Der Schweizer GaultMillau ist seriös und grundsätzlich kann man sich auf die Bewertungen abstützen. In den Restaurants & Hotels - wie auch in anderen Branchen - arbeiten Menschen und Menschen machen Fehler. Klar, es darf und sollte nicht passieren. Immerhin wurden im beschriebenen Fall die Fehler korrigiert. Das ist doch etwas. Was ich wichtig finde ist, dass die Mängel dem Gastgeber kommuniziert werden, damit er sie verbessern kann. Schön ist, wenn Du dem Wirt eine zweite Chance gibst.
Kommentiert von: Cigarman_ch | Dienstag, 26. Januar 2010 um 09:55 Uhr
Sehe ich genauso. Und die Kommunikation mit dem Gastgeber wäre wirklich wichtig - feedback! Woher soll die Küche und Restaurantleitung denn erfahren, wenn die Gäste unzufrieden waren, wenn nicht vom Gast. Vom Kritiker allein, der alle Jahre vielleicht mal kommt? Oder erst, wenn keine Gäste mehr erscheinen?
Ich tue mir allerdings selbst schwer, Kritik bei (berechtigten, versteht sich) Nichtgefallen von Essen oder Service zu äussern. Und ob der Kellner mit ausbleibendem Trinkgeld dann die richtigen Schlüsse über seine Dienstleistung zieht, oder nur den Gast verflucht, ist auch fraglich.
Aber zurück zu Daniels Anmerkungen - du bist nicht zu streng! Ich bin häufiger enttäuscht als positiv überrascht in Restaurants, und wenn ich jedesmal denken muss - das hätte ich besser gekocht, mit besseren Weinen & Musik und bezahlbarer obendrein etc. - sprich - ein schlechtes Geschäft gemacht zu haben, dann stimmt was nicht.
Trotzdem schulden wir den Maitres und ihrem Personal Respekt und die zweite Chance...
Kommentiert von: Stefan | Dienstag, 26. Januar 2010 um 10:40 Uhr
Ja, sofort Feedback zu geben wäre wohl das Richtige.
Aber wer sagt schon "nicht so", wenn beim Abräumen die obligate Frage fällt: "Hat's geschmeckt?" (oder gut Schweizerisch "Isch's rächt gsi?").
Meine Erfahrung ist, dass das Servierpersonal auf differenziertere Antworten oft erstaunlich gleichgültig reagiert.
Und die Köche selbst sind an einer Diskussion meist erst recht nicht interessiert, zumindest nicht mitten in der Gaststube.
Dabei könnten sie die Chance packen.
Kommentiert von: Daniel Ebneter | Dienstag, 26. Januar 2010 um 15:10 Uhr
Häufig ist es auch so, dass je besser der Koch ist, desto mehr ist er eingeschnappt wenn man seine Küche nicht mag :(
Es sind Details, die Du erwähnst, aber das zentrale ist, dass sie erst korrigiert wurden, als Du darauf hingewiesen hast.
Bei einem solchen Lokal darf sowas einfach nicht passieren. Das "Auf Wiedersehen" ist für mich jedes mal ein "Wow, das ist aber nett".
Der Wow-Effekt bleibt somit in Deinem Fall weg und man erinnert sich dann in Zukunft weniger an das Restaurant. Solange das Resti genügeng Gäste hat, kann es sich dies leisten...
Kommentiert von: 2ni | Dienstag, 26. Januar 2010 um 18:43 Uhr