[erstmals publiziert am 30.10.2005]
Als glückliches Geburtstagskind bin ich für ein Wellness-Wochenende nach Merligen eingeladen. Von der Schweizer Wellness-Hotellerie hört man bekanntlich Gemischtes: der horrende Investitionsbedarf führt dazu, dass mancherorts für eine Nacht mehr fällig wird als im Schwarz- oder Bregenzerwald für ein verlängertes Wochenende. Im Beatus Merligen ist aber jeder Franken gut angelegt - das Preis-/Leistungsverhältnis ist absolut top.
Der Empfang läuft zwar routiniert, aber dennoch herzlich ab. Vom Multivitamin-Welcomedrink über den Gepäckservice bis zu den Erklärungen im Zimmer ist alles perfekt durchorganisiert. Das Standard-Doppelzimmer lässt absolut nicht zu wünschen übrig - die Aussicht auf den See weckt fast schon Kreuzfahrtschiff-Gefühle, die Einrichtung ist geschmackvoll und zweckmässig, und es wurde lückenlos an alles gedacht, was es für einen geglückten Wellnessaufenthalt braucht.
Wir vergnügen uns denn auch mehrere Stunden lang im Innen- und Aussenbad, den diversen Saunen und Dampfbädern im öffentlichen Bereich (Topfavorit: das schnuckelige Saunahäuschen mit Eisbrunnen im Freien) und dem den Hotelgästen vorbehaltenen Thai-Saunapark. Nur übernachtenden Gästen vorbehalten ist auch die Ruhezone "Le petit oubli", mit eigener Terrasse sowie Getränke- und Früchtebar. Schade nur, dass diese Oase nur über die öffentliche Zone zu erreichen ist.
Im Speisesaal wird für das Abendessen laut Hotelmerkblatt "angemessene Kleidung (Veston erwünscht)" erwartet. Diese Vorschrift, wenn auch als Wunsch formuliert, erscheint uns absolut archaisch und nicht auf das gemischte Publikum zugeschnitten. Kein Wunder, dass sich fast niemand daran hält - wer verreist schon mit Anzug und Krawatte in die Erholungsferien!
Kulinarisch werden wir an diesem Abend nach Strich und Faden verwöhnt. Den Anfang macht eine eher kleine Champignonterrine, die auf sehr passende Art und Weise von Bündnerfleisch begleitet wird. Die anschliessende klare Apfelmostsuppe ist hervorragend gelungen - der leicht säuerliche Geschmack fügt sich herrlich in die herbstliche Speisefolge ein, gleichzeitig ist die Suppe sehr leicht.
Nach dem Gang ans üppige und vielfältige Salatbuffet steht der Hauptgang an: der Hirschrücken aus Österreich ist auf sämiger Preiselbeer-Rahmsauce angerichtet und wird von gebratenen Griessstrudel-Röllchen begleitet. Eine ungewöhnliche, aber ausnehmend leckere Alternative zu den üblichen Spätzli. Eher der traditionellen Wildgarnitur sind die glasierten Marroni und das zu weich geschmorte Rotkraut, das uns überdies zu süss erscheint, zuzurechnen.
Zum Dessert geht's wieder ans Buffet. Ob wir die paradiesische Auswahl in speziellem Ambiente wohl dem gleichzeitig stattfindenden Anlass zu verdanken haben? Egal - wir geniessen jede einzelne süsse Verführung bis zum letzten Bissen.
Die Weinempfehlungen - ein Petit Arvine und ein Pinot Noir aus Salgesch/VS - sind so gut wie passend und preiswert. Wir bereuen es nicht, ihnen gefolgt zu sein.
Am nächsten Morgen geht die Verwöhnkur unvermindert weiter - das Frühstücksangebot sucht, was Auswahl, Frische und Qualität der Produkte angeht, seinesgleichen.
Da ist es fast schade, dass wir gleich wieder abreisen. Die an die Tische verteilte "Morgenpost" macht Lust aufs Bleiben - wir könnten ja für einmal das "Menü Wellness Plus" oder das "Menu Végétarien" bestellen...
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